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Inna – zwischen Himmel und Erde

Inna ist Ingenieurin von Beruf, ein sehr sozialer Mensch und in ihren Träumen Pilotin. Sie stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Charkiw, studierte an der Nationalen Luft- und Raumfahrtuniversität Charkiw und verliebte sich bereits im ersten Studienjahr in die Luftfahrt. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine stoppte ihre Pläne, eine Pilotenlizenz zu erwerben – aber nicht ihren Traum vom Fliegen.

Heute lebt Inna in Deutschland, arbeitet als Ingenieurin in einem großen Unternehmen, baut sich eine Familie auf und lernt, sich selbst zu erlauben, glücklich zu sein und gleichzeitig mit einem Schmerz zu leben, der nicht einfach verschwindet.

Es ist ein Gespräch über Kontrolle und Vertrauen, über den Himmel und die Menschen, über Erwachsenwerden ohne Wahl und über die Kraft, lebendig zu bleiben.

— Inna, Sie haben im Gespräch über Ihre Interessen die Luftfahrt erwähnt. Sind Sie bereits Pilotin oder lernen Sie noch?

— Ich bin noch keine Pilotin, aber ich plane, eine Pilotenlizenz für einmotorige Flugzeuge zu machen. Das ist eine alte Liebe. Ich habe an der Nationalen Luft- und Raumfahrtuniversität in Charkiw studiert und bin Ingenieurin von Beruf. Auf dem Gelände der Universität waren überall Flugzeuge. Es gab eine wunderbare Tradition: Die Erstsemester wurden zu einem kleinen Flugplatz, einem Flugfeld in Korotytsch, gebracht. Dort gab es ein großes Fest: Flugzeuge flogen, Menschen sprangen mit Fallschirmen ab. Das war unglaublich interessant, und so habe ich mich vom ersten Tag an in die Luftfahrt verliebt. Mich faszinierte die Frage, wie man eine solche Maschine überhaupt in die Luft bringen kann. Ich träumte davon, eine Ausbildung zu machen. Ich sparte Geld, arbeitete, machte meinen Master und hatte bereits eine Anmeldung – ich hatte das nötige Kapital gesammelt und wollte gerade anfangen. Doch dann begann der Krieg.

— Konnten Sie nach Ihrer Ankunft in Deutschland zu dieser Idee zurückkehren?

— Es hat sich so ergeben, dass ich in Passau gelandet bin. Nach einiger Zeit lernte ich hier meinen zukünftigen Mann kennen. Er wusste von meinem Traum und davon, dass ich fliegen wollte, und erzählte mir, dass es auch in Vilshofen einen Flugplatz gibt. Wir fuhren dorthin. Ich merkte: Es ist alles möglich – nur in einer anderen Sprache. Deshalb habe ich diese Idee nicht aufgegeben. Ich möchte die Lizenz immer noch machen. Du fliegst in 3.000 Metern Höhe, hast den Steuerknüppel in der Hand, und nur von dir hängt ab, ob du wieder sicher landest, ob du ankommst. Vielleicht ist es genau diese Art von Kontrolle, die ich mithilfe des Himmels in meinem Leben haben möchte.

— Sind Inna in der Luft und Inna unter Menschen zwei verschiedene Personen?

— Ja. In der Luft bin ich sehr konzentriert und ernst. Im Allgemeinen bin ich aber fröhlich, unkompliziert und vertraue dem Leben. Manchmal überlasse ich mein Schicksal einfach seinen Händen. Im Himmel bin ich das genaue Gegenteil, denn dort darfst du keinen Fehler machen. Du musst dich sammeln und darfst dich nicht ablenken lassen. Vielleicht fehlt mir diese abgeschirmte Konzentration ein wenig in meinem normalen Leben.

— Der Beruf der Pilotin bedeutet oft auch, allein im Cockpit zu sein. Fühlen Sie sich wohl damit, allein mit sich selbst zu sein?

— Eigentlich ist mir mein soziales Umfeld sehr wichtig. Ich bin ein sozialer Mensch. Heute arbeite ich bei der großen Firma Intica Systems SE, mit ungefähr 500 Mitarbeitenden. Ich arbeite im Büro als Ingenieurin in der Abteilung für Qualität und Kontrolle. Deshalb ist das mit dem Pilotinnendasein eher ein Traum als ein zukünftiger Beruf. Es wäre eine Möglichkeit, privat zu fliegen. Ich bin glücklich, dass ich jetzt unter Menschen bin. Als ich gerade angekommen war, habe ich ziemlich schnell Deutsch gelernt und später ehrenamtlich gearbeitet. Ich bin als Dolmetscherin zu allen möglichen Terminen mit unseren Leuten gegangen – auch um Menschen kennenzulernen. Deshalb kann ich nicht sagen, dass ich diesen Traum wegen der Einsamkeit gewählt habe. Es ist eher einfach mein Wunsch nach Kontrolle.

— Wie sind Sie überhaupt nach Deutschland gekommen?

— Ich bin mit meiner Tante und meinen Cousins, einem Bruder und einer Schwester, gekommen. Mein eigener Bruder, meine Mutter, mein Vater und der Rest der Familie sind in der Nähe von Charkiw geblieben. Wir stammen aus einem kleinen Dorf. Als der Krieg begann, bin ich von Charkiw zu meinen Eltern ins Dorf gefahren. Wir sind alle dort zusammengekommen. Wir haben eine sehr enge Familie. Wir saßen bereits die dritte Woche bei meinen Eltern, haben nachgedacht und schließlich entschieden: Die Kinder dürfen das nicht erleben. Meine Cousins kamen aus Dnipro. Gott sei Dank haben sie dort nicht einmal einen Luftalarm erlebt, weil sie sofort weggefahren sind. Wir verstanden, dass wir die Kinder in Sicherheit bringen mussten, damit sie diese Zeit überstehen konnten. Denn selbst die Psyche eines Erwachsenen kommt damit kaum zurecht. Ein Kind müsste später sein ganzes Leben mit diesen Traumata leben. Meine Tante hatte Freunde in Passau. Sie sagten: „Kommt zu uns. Für ein oder zwei Monate, bis alles vorbei ist.“

— War es Ihre Entscheidung, die Kinder zu begleiten?

— Meine Tante sagte: „Ich fahre nicht. Ich war noch nie im Ausland, ich kann kein Englisch und kenne mich überhaupt nicht aus. Ich werde zwei Kinder in Europa verlieren.“ Da ich zu diesem Zeitpunkt keine Arbeit mehr hatte und es mir Angst machte, in meine Wohnung in Charkiw zurückzukehren, sagte ich: „Ich fahre mit euch.“ Und so sind wir gefahren. Vier Tage unterwegs, acht Züge … Als wir hier ankamen, sagte ich: „Lasst uns ein oder zwei Monate bleiben. Ich helfe euch ein bisschen – Schule für die Kinder, Dokumente, Visa – und dann fahre ich wieder zurück.“ Schließlich dachten damals alle, dass der Krieg bald vorbei sein würde. Ich habe in den ersten sechs Monaten sogar keinen Sprachkurs besucht, weil ich dachte: Ich brauche das nicht, ich fahre ja wieder nach Hause. So habe ich ein halbes Jahr verloren. Dann wurde mir klar, dass ich mein eigenes Leben weiterleben und gleichzeitig den Menschen helfen muss, die Unterstützung brauchen.

— Sie haben von Ihrer Familie erzählt, die in der Ukraine geblieben ist. Was fehlt Ihnen heute am meisten – außer Ihren Angehörigen?

— Mir fehlt unser Familienkreis sehr. Wir waren und sind uns sehr nah. Durch meine Ausreise kam es zu einer Art erzwungener Trennung von meinen Eltern. Ich war erst 22 Jahre alt, als der umfassende Krieg begann. Mir fehlen auch meine Freunde und mein Umfeld aus der Studienzeit. Wir waren sehr eng miteinander verbunden, haben zusammen studiert und im Wohnheim gelebt. Der Krieg hat uns alle auseinandergerissen. Und mir fehlt meine Stadt. Ich liebe Charkiw sehr. Ich war an vielen Orten, aber Charkiw ist für mich die vertrauteste und liebste Stadt. Mir fehlen sogar die Menschen, die nicht zu meinem engen Umfeld gehören, die man aber kennt: der Verkäufer im Café, der Mitarbeiter, der den Park sauber hält, weil man jeden Tag denselben Weg geht. Mir fehlt dieses Gefühl, dazuzugehören.

— Sie haben gesagt, dass Sie sich entschieden haben, „zu leben und nicht zu warten“. Was hat Ihnen geholfen, hier so schnell ein neues Leben aufzubauen?

— Ich habe mir gesagt: Ich fange bei null an. Und ich habe alles dafür getan, keine Zeit zu verlieren, sondern zu lernen und zu leben. Obwohl es schwer ist. Wenn man als Studentin auswandert, lässt man weniger zurück. In der Ukraine hatte ich bereits emotionale Beziehungen und Bindungen – an meine Arbeit, an meine Hobbys. Ich habe Samba und Bachata getanzt. Bis heute habe ich hier noch keine Tanzschule gefunden. Was mir hilft, ist Selbstdisziplin. Manchmal trotz „Ich will nicht“, trotz „Es ist zu schwer“, manchmal durch Tränen. Ich habe einen sehr starken Lebenswillen und wahrscheinlich eine fast schon übertrieben optimistische Sicht auf die Welt.

Heute arbeitet Inna als Ingenieurin in der Abteilung für Qualität und Kontrolle. Ihre Arbeit verlangt Genauigkeit: Sie wählt Lieferanten aus, genehmigt sie und überprüft sie. Diese Verantwortung gibt ihr ein Gefühl von Stabilität und finanzieller Unabhängigkeit.

— Wie hat Deutschland Sie aufgenommen? Wie haben Sie die Menschen hier erlebt?

— Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wem ich dafür danken soll – Gott oder irgendeinem Schutzengel. Aber ich wurde sehr gut aufgenommen. Ich weiß, dass es Millionen unterschiedlicher Geschichten gibt. In meinem Fall habe ich zu 99,9 Prozent nur offene, ehrliche und freundliche Menschen kennengelernt, die bereit waren zu helfen.

— Spüren Sie Unterschiede in der Mentalität? Was haben Sie von den Deutschen gelernt – und was haben sie von Ihnen gelernt?

— Die Deutschen sind zurückhaltender. Wir sind offener und direkter. Bei der Arbeit spüre ich den Unterschied. Manchmal fehlt mir die Empathie. Aber mir gefällt, dass sie akzeptieren, dass ich anders bin, weil ich allen gegenüber ich selbst bleibe.

Sie haben diesen Satz: „Sicher ist sicher.“ Sie sichern sich in allem dreihundertmal ab. Ich war früher ziemlich sorglos, aber inzwischen sichere auch ich mich überall ein bisschen mehr ab. Man denkt dreimal darüber nach, ob man etwas wirklich tun sollte. Man muss gar nicht weit gehen – die Familie meines Mannes zum Beispiel. Sie sind sehr glücklich, dass ich in ihr Leben gekommen bin. Sie sagen: „Du hast frische Luft in unsere Familie gebracht.“ Wir umarmen uns, sprechen offen miteinander. Sie waren schon immer offen dafür, aber früher war es in der Familie nicht üblich, nach dem emotionalen Zustand des anderen zu fragen oder tiefgehende Gespräche zu führen. Ich habe ihre Sicht verändert – vor allem ihre Sicht auf die Ukraine und die Ukrainer.

— Sie haben Ihren Mann erwähnt. Wie verbinden sich die ukrainische und die deutsche Kultur in Ihrem Alltag?

— Das Erste, was er auf Ukrainisch gelernt hat, waren „Ich liebe dich“, „meine Liebste“ und „Sternchen“.

Wir hören oft ukrainische Musik im Auto. Er lernt seit anderthalb Jahren Ukrainisch – mit mir und über Apps. Die Fälle fallen ihm sehr schwer. Aber wir waren schon in der Ukraine, er kennt meine Eltern. Und weil ich jeden Tag mit ihnen spreche, möchte er daran teilhaben und ein Teil meiner Familie sein. Was das Essen betrifft: Ich koche zu Hause. Wareniki, Borschtsch, unsere Suppen – all das gehört bei uns zum Alltag. Die bayerische Küche unterscheidet sich gar nicht so sehr von unserer. Auch dort gibt es viele schwere, kalorienreiche und fleischhaltige Gerichte. Deshalb kommt unsere Küche hier gut an.

— Wie erleben Sie heute den Krieg in der Ukraine, während Sie selbst in Sicherheit leben?

— Krieg ist Schmerz. Es ist eine unglaubliche Sehnsucht nach dem eigenen Land, nach der Vergangenheit. Und es ist dieses wahnsinnige Gefühl von Ungerechtigkeit. Es ist ein unbeschreiblicher Schmerz, den ich leider nicht einfach ausschalten kann. Ich war diejenige, die bis zuletzt gesagt hat: „Was redet ihr denn? Panzer im 21. Jahrhundert vor dem Fenster?“

Und dann sind sie tatsächlich gekommen. Ich habe den Glauben an die Menschheit verloren. Ich habe für mich entschieden: Solange ich hier bin, versuche ich jeden Tag, das Maximum aus allen Möglichkeiten herauszuholen – die Sprache zu lernen, Erfahrungen zu sammeln. Aber nach jedem Gespräch mit meinen Eltern weine ich. Gemeinsam mit meiner Psychologin habe ich sogar beschlossen, Nachrichten höchstens einmal pro Woche zu lesen, weil ich sehr schlecht schlafe, wenn ich sie in der zweiten Tageshälfte lese.

— Sind Sie heute ein glücklicher Mensch?

— Wissen Sie, lange Zeit habe ich mir selbst nicht erlaubt, glücklich zu sein. Ich habe mir Vorwürfe gemacht: „Ich bin hier, bei mir ist alles gut, während es Menschen gibt, denen es viel schlechter geht.“ Mein Bruder ist dort, und ich konnte überhaupt nichts Schönes erzählen. Ich dachte: „Wie kann er dort unter Raketen sein und ich ihm erzählen, dass ich gerade meinen Führerschein bestanden habe?“ Aber irgendwann haben wir alle gemeinsam offen darüber gesprochen. Und jetzt versuche ich, mir zu erlauben, glücklich zu sein, denn eigentlich gibt es dafür wirklich viele Gründe.

— Haben Sie sich in dieser Zeit verändert?

— Ich bin stärker und erwachsener geworden. Sogar zu erwachsen. Das wollte ich nicht. Wenn ich an die Kinder denke, die den Krieg erleben, denke ich: Das darf nicht sein. Es sollte kein solches schnelles, erzwungenes Erwachsenwerden geben. Aber ich hatte keine Wahl. Ich musste eine enorme Verantwortung übernehmen. Eindeutig bin ich heute sehr stark, erwachsen und … klug.

— Wovon träumen Sie heute?

— Vor dem umfassenden Einmarsch waren meine Träume eher materiell: ein besseres Auto, eine größere Wohnung.

Heute hat mich der Krieg sehr geerdet. Ich wünsche mir Frieden – und zwar einen gerechten Frieden. Das ist mein größter Traum. Wenn dieser Albtraum vorbei ist und die Grenzen wieder offen sind, möchte ich meine Eltern öfter sehen können als nur einmal alle sechs Monate. Ich möchte ihnen mein Leben hier zeigen, damit sie ein Teil davon sein können – nicht nur über das Telefon. Und natürlich wünsche ich mir gesunde Kinder. Ich möchte sehr gerne drei Kinder haben. Mein Mann und ich diskutieren darüber noch, denn für ihn als Deutschen sind zwei Kinder schon viel. Aber wir werden sehen.

— Wo sind Sie heute mit Ihren Gedanken häufiger – in der Ukraine oder hier?

— Wahrscheinlich hier und jetzt. In den ersten anderthalb Jahren habe ich meinen Koffer nie vollständig ausgepackt. Ich dachte immer: „Ich fahre bald wieder.“ Aber irgendwann habe ich verstanden, dass das Leben vorbeigeht.

Und dass es nur von mir abhängt, ob ich irgendwann etwas haben werde oder ob ich einfach die Hände in den Schoß lege und warte. Deshalb ist mein Alltag, meine Arbeit, mein ganzes Leben mit all seinen kleinen Dingen heute hier. Aber ich schließe den Gedanken nicht aus, dass wir in zehn Jahren – sogar mit einem deutschen Mann und unseren Kindern – in der Ukraine leben werden.

                                                                                                                                        Interview und redaktionelle Bearbeitung:

                                                                                                                   Slava Onufryk, ukrainische Journalistin und Volontärin

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