
Ich komme aus der Stadt Charkiw. Ich habe einen Hochschulabschluss im Bereich Dokumentations- und Informationsmanagement.
In meiner Heimat arbeitete ich an der Universität (Nationale Luft- und Raumfahrtuniversität Charkiw „KhAI“) als Leiterin des Labors der Abteilung für sprachliche Vorbereitung ausländischer Studierender.
Ich trieb Sport (Tanzen, Klettern und Krafttraining), fotografierte gern und liebte das Reisen. Außerdem besuchte ich verschiedene Seminare, Trainings und Kurse. Ich war auf der Suche nach meinem eigenen Weg und nach dem, was ich wirklich machen wollte.
Mir wurde klar, dass meine Zukunft an der Universität in der wissenschaftlichen Laufbahn lag. Gleichzeitig erschreckte mich die Vorstellung, mein ganzes Leben einer Arbeit nachzugehen, die mich nicht erfüllte – mit festen Arbeitszeiten, lange im Voraus geplantem Urlaub und einem streng geregelten Alltag. Ich wollte selbst mehr über meine Zeit bestimmen.
Auf der Suche nach meinem Weg probierte ich verschiedene Berufe aus: Tourismusmanagerin, HR-Mitarbeiterin und Recruiterin. Sogar in einem Apothekenlager arbeitete ich eine Zeit lang. Am meisten begeisterte mich jedoch die Ausbildung zur Fitnesstrainerin.
Ich lernte mit großem Engagement, um eine echte Fachkraft zu werden. Dank meines Einsatzes erhielt ich eine Stelle als Trainerin in einem der Premium-Fitnessclubs der Stadt. Ich genoss die Arbeit mit Menschen – sowohl in Gruppenkursen als auch im Einzeltraining. Ich konnte meinen Arbeitsplan selbst gestalten, meiner Leidenschaft nachgehen und gleichzeitig körperlich fit bleiben.
Parallel dazu engagierte ich mich eine Zeit lang ehrenamtlich in einer gemeinnützigen Organisation, die Führungsqualitäten bei Kindern in Dörfern und städtischen Siedlungen förderte.
Um meine durchgehende Berufserfahrung aufrechtzuerhalten, arbeitete ich außerdem als Dokumentationsmanagerin und betreute die Website sowie die sozialen Netzwerke einer außerschulischen Bildungseinrichtung. Dadurch konnte ich am staatlichen Programm „Jugendwohnungsbau“ teilnehmen.
Am 10. Februar 2022 wurde ich auf die Warteliste für eine Wohnung in einem Neubau aufgenommen – mit einem Kredit zu 0 % Zinsen. Ebenfalls im Februar 2022 machte mir mein Freund einen Heiratsantrag, und wir planten zu heiraten.
Zusammengefasst: Ich hatte eine wunderbare Arbeit, genügend Zeit für mich selbst, eine eigene Wohnung und eine Familie vor mir. Doch der Terrorstaat entschied am 24. Februar 2022 alles anders.
Bis heute habe ich das Gefühl, zwei verschiedene Leben zu haben. In eines davon werde ich niemals zurückkehren können, doch mit meinen Gedanken bin ich immer noch dort. Meine Eltern sind nach Charkiw zurückgekehrt, und ich kann nicht unbeschwert leben, solange ich weiß, dass sie dort sind und wie die Lage in meiner Heimatstadt ist.
Es ist sehr schwer und schmerzhaft, in einem Land zu leben, in dem man fremd ist und sich oft als unerwünscht fühlt. Niemand versteht, wie schwierig es ohne ausreichende Sprachkenntnisse ist, hier zu leben, zu arbeiten und zu versuchen, wie alle anderen zu sein. Es tut weh zu sehen, wie ich mich in meinem eigenen Land hätte weiterentwickeln können und wie schwer das in einem anderen Land ist. Oft habe ich das Gefühl, nicht vollständig dazuzugehören.
Heute arbeite ich als Verkäuferin an einer Shell-Tankstelle. Ich habe einen großartigen Filialleiter und ein wunderbares Team. Es war für mich sehr schwer – und ist es teilweise bis heute –, die Besonderheiten und das Arbeitstempo ohne ausreichende Sprachkenntnisse zu verstehen (mein Deutschniveau ist A2). Mein Chef hat jedoch immer an mich geglaubt und mich unterstützt. Meine Kolleginnen und Kollegen erklärten mir geduldig die Arbeitsabläufe, taten alles dafür, dass ich sie verstehen konnte, und halfen mir in jeder Situation. Wegen meiner Fehler wurde ich nie ausgeschimpft, und für diese Unterstützung bin ich ihnen von Herzen dankbar.
Heute kann ich vollständig für meinen Lebensunterhalt selbst sorgen und bin nicht mehr vom Jobcenter abhängig. Ich gehe wieder ins Fitnessstudio und reise durch Europa. Ich habe eine Mietwohnung und alles, was ich für ein angenehmes Leben brauche. Einen klaren Plan für die Zukunft habe ich noch nicht, aber ich versuche, mein Leben Schritt für Schritt neu aufzubauen.
Persönlicher Text: Eugenia Maslova

