top of page
DSC_7992 copy.jpg

Tetjana Kravchuk empfängt mich in ihrer kleinen Wohnung in Passau – gemütlich, warm und hell. Auf dem Sofa liegen ordentlich zusammengerollte Wollknäuel, daneben ein angefangenes Paar Socken. Die Möbel sind mit kleinen Zetteln beklebt, auf denen deutsche Wörter stehen. In ihrer Stimme liegt eine sanfte Müdigkeit, aber auch eine ungebrochene Kraft. Sie hat viel erlebt, viel verloren, aber auch vieles bewahrt: die Fähigkeit, das Leben, die Menschen, das Lernen und die kleinen täglichen Freuden zu lieben.

Ihre Geschichte ist ein Weg durch unerträglichen Schmerz, durch Jahre der Arbeit und Hingabe, durch Krieg und Verluste – und durch den Beginn eines neuen Lebens.

— Wie beginnt Ihr Tag?

— Ich wache um sieben Uhr morgens auf. Ich trinke ein Glas warmes Wasser mit Apfelessig und danach Kaffee und plane meinen Tag. Manchmal stehe ich am Fenster und schaue in die Ferne auf die Alpen. Wenn kein Nebel da ist, hat man von meinem Balkon aus einen solchen Ausblick, dass ich den Tag mit Freude beginne. Ich denke an meine Enkel und an meine Tochter – wir sprechen oft im Laufe des Tages miteinander. Ich gehe gerne spazieren und besuche einen Deutschkurs. Dort lachen wir viel und unterstützen uns gegenseitig.

— Erzählen Sie von Ihrem Leben vor Beginn des Krieges.

— Wir lebten in Pokrowsk. Dort habe ich geheiratet, wir kauften ein Haus und bekamen zwei Kinder. Ich studierte Mathematik an der Nationalen Universität Donezk und wurde Lehrerin. Eine Zeit lang arbeitete ich in einem Kindergarten, aber hauptsächlich in der Schule.

Mehr als 35 Jahre lang war ich Mathematiklehrerin. In verschiedenen Klassen und an verschiedenen Schulen, aber immer mit Liebe zu den Kindern. Meine Schülerinnen und Schüler konnten Mathematik gut, weil ich zu jedem einen Zugang gefunden habe. Schon während meiner Schulzeit wusste ich, dass ich Lehrerin werden wollte. Ich liebte die Arbeit mit Kindern und beschäftigte mich schon damals mit den Kindern aus der Nachbarschaft.

Dieser Beruf hat mich damals gerettet. In den 1990er-Jahren, als es schwierig war und keine Gehälter gezahlt wurden, verdiente ich mein Geld mit Nachhilfeunterricht. Mein Mann und ich arbeiteten, die Kinder gingen zur Schule, und in meiner Freizeit strickte ich sehr viel für die Kinder, weil wir kein Geld für Kleidung hatten.

— Sie sprechen viel über Ihre Kinder und Enkel. Sind sie Ihre größte Kraft?

— Ja. Für die Familie da zu sein, ist meine Kraft und mein Lebenssinn. Ich habe meinen Kindern immer gesagt: Setzt euch ein Ziel und geht darauf zu. Das Leben sollte von Liebe erfüllt sein.

Während unseres Gesprächs spricht Tetjana immer wieder auch über ihre ehemaligen Schülerinnen und Schüler. Das Schulleben ist ein großer Teil ihres Herzens. Sie erinnert sich an einen Jungen, der von seinen Mitschülern gemobbt wurde. Eines Tages blieb sie mit ihm während des Schuldienstes allein und erfuhr, dass er Motorrad fahren, eine Ziege melken, einen Traktor und einen Mähdrescher bedienen konnte. Sein Großvater hatte ihm all das beigebracht.

In einer Klassenstunde sagte sie zu ihrer Klasse:

„Schaut ihn euch an. Vielleicht wird er kein großer Mathematiker, aber er kann Dinge, die im Leben wichtig sind. Ihr solltet euch ein Beispiel an ihm nehmen. Das Wichtigste ist nicht, Mathematik zu können. Das Wichtigste ist, ein guter Mensch zu sein.“

Im Laufe ihres Lebens hat das Schicksal Tetjana immer wieder auf ihre Stärke geprüft. Heute erzählt sie ruhig davon, doch in jeder Erinnerung liegen Schmerz und Kampf.

2001 hatte ich einen Schlaganfall. Ich verlor die Fähigkeit zu sprechen und konnte nur noch weinen. 21 Tage lag ich im Krankenhaus. Ich erinnere mich, wie ich nach Hause kam, eine Kartoffel schälte und danach so erschöpft war, als hätte ich den ganzen Tag gearbeitet. Ich machte Übungen und ging abends mit meinem Mann spazieren, weil ich nicht schlafen konnte. Nach und nach begann ich wieder zu sprechen. Ich las Kinderbücher – das hatte mir der Arzt empfohlen. Ein Jahr später sprach ich wieder normal und kehrte mit der Zeit in die Schule zurück. Mein Arbeitspensum wurde reduziert, ich unterrichtete nur noch die Profilklassen. So arbeitete ich bis zur Rente.

Dann kam ein weiteres Unglück. Am 12. Juli, am Fest Peter und Paul, stieg ich auf den Dachboden, um eine Schaukel für meine Enkelin zu holen. Die Leiter rutschte weg und ich stürzte. Vor Schmerzen wurde ich ohnmächtig. Ich hatte sechs gebrochene Rippen und einen Bruch des Sitzbeins. Aber bereits im September nahm ich meine Kräfte zusammen und rupfte im Sitzen auf einer Bank Unkraut auf der Datscha. Denn ich wollte leben.

Im Jahr 2020 starb mein Sohn an Covid. Er war Programmierer in einem Krankenhaus, glaubte nicht an das Virus und trug keine Maske – und infizierte sich. Fünf Tage später wurde er ins Krankenhaus eingeliefert und starb dort. Wie ich das überstanden habe, weiß ich nicht. Mein Mann und ich lenkten uns mit der Datscha, Reparaturen und Arbeit ab.

Und dann kam das Jahr 2022. Mein Mann erkrankte – er hatte einen Schlaganfall. Ich lief zwischen Krankenhaus und Zuhause hin und her, bis auch mein Mann von uns ging. Am Tag seiner Beerdigung wurde Pokrowsk beschossen. Viele Menschen kamen, um Abschied zu nehmen, aber nur wenige gingen mit zum Friedhof – sie hatten Angst vor den Angriffen.

— Woher haben Sie so viel Kraft?

— In meiner Familie sind die Frauen stark. Meine Großmutter hatte 15 Kinder. 1937 holte das NKWD ihren Mann ab – und er verschwand spurlos. Meine Großmutter zog alle Kinder allein groß. Meine Mutter wuchs in einem Kinderheim auf. Beide waren sehr stark. Diese Stärke wurde auch an mich weitergegeben.

— Wann haben Sie entschieden, dass Sie gehen müssen?

— Der Krieg ging weiter. Unsere Häuser und das Haus meiner Schwiegertochter waren zerstört. Wir packten alles zusammen und luden das Auto. Sie nahm hauptsächlich Sachen für das Kind mit, ich einen einzigen Rucksack, und dann fuhren wir durch das ganze Land.

Wir kamen nach Warschau und blieben dort zehn Tage. Danach ging es nach Deutschland und später nach Frankreich. Dort war es sehr schön. Mit der Zeit gingen alle meine Angehörigen weiter und ich blieb allein. Ich arbeitete und putzte Böden in einer Bank. In Frankreich sang ich in einem Chor auf Deutsch, Französisch, Englisch, Ukrainisch und sogar Tschechisch. Ich beherrsche ja nicht alle diese Sprachen, also übersetzte ich selbst und lernte meine Stimmen. Ich hatte meinen Freundeskreis, mein kleines Leben. Die Gegend dort war wunderschön … aber ich fühlte mich einsam. Meine Nichte schlug mir vor, nach Deutschland zu ziehen – sie und ihre Familie leben hier seit 21 Jahren. Hier geht es mir gut. Das ist mein Ort.

In Deutschland habe ich viele Bekannte, und viele Ukrainer sind zu Freunden geworden. Wenn es möglich ist, engagiere ich mich ehrenamtlich – wir stellen Schützengrabkerzen her. Ich komme gerne zu diesen Treffen, weil dort vor allem ein ehrlicher und herzlicher Austausch stattfindet.

Ich habe wieder angefangen zu stricken. Man bringt mir Wolle, manches kaufe ich selbst, und ich stricke Socken. Zweimal habe ich sie bereits an die Jungs an der Front geschickt. Seit zwei Jahren verkaufe ich meine Handarbeiten auf dem Weihnachtsmarkt – im ukrainischen Häuschen. Jedes Jahr versuchen wir, die Besucher des Marktes zu überraschen: leckeres Essen, Souvenirs, Lieder und herzliche Begegnungen.

— Sie haben eine sehr schöne Farbkombination bei Ihren Strickarbeiten. Woher bekommen Sie Ihre Ideen?

— Aus meinem Kopf. Ich stricke seit meinem 14. Lebensjahr – meine Großmutter hat es mir beigebracht. Ich kann sogar stricken, ohne auf meine Hände zu schauen. Ich schaue fern und stricke. Viel Übung.

— Wovon träumen Sie heute?

— Von meinem eigenen Haus.

— In Deutschland oder in der Ukraine?

— Ich weiß es nicht. Ich bin inzwischen eine internationale Frau. Aber ich möchte in die Ukraine zurückkehren. Ich liebe sie.

Ich träume davon, dass meine Enkel etwas erreichen. Ich möchte sie öfter sehen. Ich träume davon, unter Menschen zu sein.

— Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

— Ich liebe es, die Welt kennenzulernen. Ich kann nicht stillsitzen. Ich kenne fast jede kleine Stadt in Bayern: Ich setze mich in den Bus und fahre los. Zu Hause mache ich Sport – ins Fitnessstudio zu gehen kann ich mir nicht leisten, zu Hause ist es kostenlos. Ich lerne Deutsch. Am Anfang habe ich überhaupt nichts verstanden, aber jetzt verstehe ich die Struktur der Sprache. Das Wichtigste ist: Ich möchte mir hier mein eigenes Leben aufbauen.

— Was würden Sie Frauen raten, die gezwungen sind, ihr Leben von Grund auf, Stein für Stein, neu aufzubauen?

— Ich habe meinen Kindern immer gesagt: Das Leben ist lang. Es gibt darin Gutes und Schlechtes. Wenn du gefallen bist, steh auf und geh weiter. Suche nach dem, was dich inspiriert.

— Und was inspiriert Sie?

— Mich inspiriert das Meer. Wenn es mir schlecht geht, stelle ich mir vor: Abend, ein ruhiges Meer, eine leichte Welle berührt meine Füße, ein Mondlichtweg liegt auf dem Wasser. Und das beruhigt mich. Was auch immer passiert ist – ihr lebt jetzt. Und ihr müsst weiterleben.

                                                                                                                                          Interview und redaktionelle Bearbeitung:

                                                                                                                    Slava Onufryk, ukrainische Journalistin und Volontärin

Tetyana_Kravchuk.jpg
DSC_7939_neu copy.jpg
bottom of page