
In ihr steckt eine große innere Stärke – jene stille Kraft, die nicht laut ist, sondern einen sanft an die Hand nimmt und weiterführt, wenn die Welt ringsum in Stücke zerbricht. Früher baute sie ihr Leben Schritt für Schritt auf: eine eigene Wohnung, eine Arbeit, die sie liebte, und einen kleinen Friseursalon, in dem sie jede Kundin und jeden Kunden mit Namen kannte. Der Krieg nahm ihr all das innerhalb eines einzigen Augenblicks. Was er ihr jedoch nicht nehmen konnte, waren ihre Herzlichkeit, ihr handwerkliches Können, ihre Kreativität und ihre Fähigkeit, Menschen schön zu machen und ihnen Freude zu schenken. Kateryna selbst würde nicht behaupten, eine starke Frau zu sein. Doch genau das ist sie.
Sie steht nach jedem Rückschlag wieder auf, wagt einen Neuanfang, lernt, kämpft sich durchs Leben und hilft anderen Menschen. Sie geht ihren Weg mit Entschlossenheit und großer Standhaftigkeit. Selbst dort, wo der Schmerz ihren Alltag begleitet, bewahrt sie ihre Liebe – zu ihrer Mutter, zu ihren Tieren, zur Musik, zu den Menschen und zu dem Land, das ihr jede Nacht im Traum begegnet. Kateryna ist eine Frau mit einem außergewöhnlich großen Herzen. Sie lebt zwischen dem, was sie verloren hat, und dem, was in ihrem Leben noch entstehen wird. Alles, was sie erschafft – jede Frisur, jede sorgfältig gemischte Haarfarbe, jeder Ton auf der Orgel oder dem Klavier, jedes aus Wolle gefilzte Spielzeug – ist ihre Art, ein wenig Licht in dieser Welt zu hinterlassen. Ein Licht, das ihr selbst leider oft so sehr fehlt.
— Kateryna, was haben Sie in Charkiw zurückgelassen, als Sie gezwungen waren zu fliehen?
— In Charkiw ist mir eigentlich nichts geblieben. Wir lebten im Stadtteil Lisopark, unweit der Nord-Saltiwka. Unsere Wohnhäuser stehen zwar noch, aber sie sind von Einschlägen gezeichnet. Rein rechtlich besitzen wir unsere Wohnung noch, tatsächlich ist sie jedoch unbewohnbar. Gleichzeitig leben heute viele Menschen in Charkiw unter noch viel schlimmeren Bedingungen, als wir sie damals erlebt haben. Am schmerzhaftesten ist für mich, dass meine Freunde nur 400 Meter von meinem Haus entfernt gemeinsam mit ihren beiden Hunden ums Leben gekommen sind. Als wir bereits in Deutschland waren, platzte in unserer Wohnung ein Wasserrohr. Eine Freundin, die in Charkiw geblieben war, kümmerte sich um alles. Sie brachte meine durchnässten und bereits halb verrotteten Sachen zum Müll – ebenso wie meine zusammengeklebten Fotos, die in den unteren Regalen gelegen hatten, welche inzwischen nicht mehr existieren. Fotos aus meiner Kindheit, aus der Schulzeit, von meiner Hochzeit und viele andere Erinnerungen. Das alles ist unwiederbringlich verloren. Wir wurden so schwer bombardiert, dass es unmöglich war, dort weiterzuleben.
— Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie gehen mussten?
— Als es einfach nicht mehr auszuhalten war. Es hörte einfach nicht auf – Raketen schlugen immer wieder ein.
Wir erfuhren, dass es eine Möglichkeit gab, die Stadt zu verlassen. Also packten wir in aller Eile unsere Sachen und fuhren los. Ich nahm nur meine Friseurschere und meinen Föhn mit. Ich sah mich noch einmal in meinem Salon um, sagte nur: „Na gut.“ Dann schloss ich die Tür und ging. Ein paar Tage später erhielt ich einen Anruf. „Es tut uns leid, Kateryna … Ihren Salon gibt es nicht mehr.“
Ich hatte ihn erst eineinhalb Jahre vor Kriegsbeginn eröffnet. Mein ganzes Leben hatte ich auf diesen Moment hingearbeitet – auf meinen eigenen kleinen Ort voller Schönheit und Geborgenheit. 85 Prozent der Kundinnen und Kunden aus dem Salon, in dem ich viele Jahre gearbeitet hatte, waren mit mir gekommen, als ich mich selbstständig machte. Ich musste damals nicht wieder bei null anfangen. Und all das wurde mir genommen. Doch eines ist mir geblieben: mein Beruf. Den kann mir niemand nehmen. Eine Friseurin wird überall gebraucht.
— Sie sind nicht nur mit Ihrer Mutter, sondern auch mit Ihren Haustieren geflohen. Das war sicher ebenfalls eine große Herausforderung.
— Wir haben einen Hund und drei Katzen. Man sagte uns: „Entweder die Tiere oder ein Koffer.“ Wir entschieden uns für die Tiere. Von unseren Sachen nahmen wir praktisch nichts mit. Nur das Nötigste für die Tiere und meine Friseurschere. Mehr nicht. Zunächst fuhren wir nach Dnipro. Dort half uns ein Pastor, der uns bei einer Familie unterbrachte. Sie sagte zu uns: „Im Keller haben wir viele Lebensmittel. Nehmen Sie alles, was Sie brauchen.“ Es waren einfach außergewöhnlich hilfsbereite Menschen. Doch zwei Wochen später schlugen auch dort Raketen ganz in der Nähe ein. Deshalb fuhren wir weiter nach Lwiw. Dort lebten wir in der Umkleidekabine einer Turnhalle in einer Schule.
— Der Beruf, für den Sie in Charkiw gelebt haben, begleitet Sie bis heute. Was lieben Sie an Ihrer Arbeit am meisten?
— Wenn ich eine Frisur fertigstelle und die glücklichen Augen meiner Kundinnen und Kunden sehe. In der Ukraine sind die Menschen offen. Einmal begegnete mir eine junge Frau auf der Straße und sagte: „Erinnern Sie sich an mich? Vielen Dank! Ich sah auf meiner Hochzeit so wunderschön aus. Sie haben damals meine Frisur gemacht.“ Dann weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Solche Begegnungen gibt es viele. Ich bin eine gute Coloristin. In Deutschland nennen mich meine Kolleginnen und Kollegen sogar die „Zauberin der Haarfarben“.
— War es schwer, in einem anderen Land wieder zu arbeiten?
— Sehr schwer. Ich habe den Sprachkurs auf dem Niveau B1 abgeschlossen. Danach sagte mein Berater zu mir: „Jetzt gehen Sie arbeiten.“ Ich begann ein Praktikum in einem Barbershop. Das war purer Stress – alles ging unglaublich schnell und war sehr intensiv. Heute arbeite ich in einem Salon, der meinem Salon in Charkiw ähnelt. Trotzdem ist hier alles ganz anders organisiert. Ich mache alles selbst: Einer Kundin wasche ich die Haare, dem nächsten Kunden färbe ich sie, einer anderen föhne ich die Haare. Zwischendurch bereite ich Kaffee zu, räume auf und erledige viele andere Aufgaben. An so eine Arbeitsweise war ich nicht gewöhnt. Auch die Sprache fällt mir schwer. Manchmal verstehe ich einfach nicht, was die Menschen von mir möchten. Manchmal weine ich innerlich, weil alles so erschöpfend ist. Etwa 80 Prozent meiner Kundinnen und Kunden sprechen Bairisch. Das macht es für mich zusätzlich schwierig.
— Woher nehmen Sie Ihre Kraft? Wie finden Sie neue Energie?
— Reisen sind mein größter Ausgleich. Ganz gleich, ob es große oder kleine, lange oder kurze Reisen sind. Ich plane jede Reise selbst. Ich lese, recherchiere, markiere Orte auf der Landkarte, höre mir Empfehlungen an und buche meine Fahrkarten. Ich liebe alles daran – Museen, Märkte, Konzerte, Spaziergänge und unterschiedliche Verkehrsmittel. Kaum komme ich von einer Reise zurück, beginne ich schon mit der Planung der nächsten. Inzwischen habe ich mehr als zwanzig Länder bereist.
— Womit verbringen Sie Ihre Freizeit, außer mit dem Reisen?
— Ich filze Spielzeug, Hüte und Schals aus Wolle. Jedes meiner Werke ist für mich wie ein kleines Kind. Außerdem arbeite ich mit Perlen. Ich gestalte Bilder und verziere beispielsweise Passhüllen mit Perlenstickerei. Fast jeder spricht mich auf meine bestickte Passhülle an. Ich habe außerdem ein Diplom als Lehrerin für musiktheoretische Fächer. Ich unterrichtete Solfeggio und Musikgeschichte. Ich spiele Klavier und Orgel. Mehrmals durfte ich bereits während des Gottesdienstes in Deutschland die Orgel begleiten. Kreativität ist das, was mich inspiriert.
— Welche Musik berührt Sie besonders?
— Ganz unterschiedliche Musik. Ich spiele überwiegend Unterhaltungsmusik, liebe klassische Musik, besonders die Werke des norwegischen Komponisten und Pianisten Edvard Grieg, ebenso wie die Musik des Kaukasus. Jazz begeistert mich ganz besonders. Ich habe ein absolutes Gehör. Oft brauche ich nicht einmal Noten, sondern spiele alles nach Gehör. Meine Solfeggio-Lehrerin sagte immer zu mir: „Entwickeln Sie Ihre Technik. Sonst bleiben all Ihre Ideen nur Ideen.“
— Vermissen Sie das Leben, das Sie vor dem Krieg hatten?
— Sehr. Die Ukraine erscheint mir jede Nacht in meinen Träumen. Ich träume von meinem Innenhof, von meiner Wohnung. Ich habe einen Freund, der ebenfalls Friseur ist. Oft sagten wir zueinander: „Wie gut wir es doch haben. Wir haben alles …“
Und das stimmte. Ich hatte wirklich alles. Ich hatte ein schönes Leben.
— Welche Werte sind für Sie heute die wichtigsten?
— Ich habe erkannt, dass man auch ohne materiellen Besitz leben kann. Ich kam ohne irgendetwas hierher. Drei Jahre später habe ich eine schöne Mietwohnung, Möbel und alles, was ich zum Leben brauche. Das alles habe ich mir selbst aufgebaut. Doch das ist nicht das Wichtigste. Das Wertvollste ist jede einzelne Minute des Lebens.
— Fühlen Sie sich inzwischen in Deutschland integriert?
— Nein. Es gibt vieles, was mir hier gefällt: die Gesetze, die Sicherheit und die Toleranz. Aber ich wollte niemals auswandern. Jetzt sind wir hier. In welchem Land wir eines Tages leben werden, weiß ich nicht.
— Wovon träumen Sie heute?
— Davon, nach Hause zurückzukehren. Zurück in das Leben, das ich einmal hatte.
— Was gibt Ihnen heute Kraft?
— Die Hoffnung. Ich versuche zu lächeln und mir selbst Kraft zu geben. Schmerz gibt es ohnehin schon mehr als genug. In mir lebt die Hoffnung. Die Hoffnung auf die Zukunft – darauf, dass wir das alle gemeinsam schaffen werden. Ich wünsche jedem Menschen, dass er seinen Platz im Leben findet, ganz gleich, wo er sich befindet. Ich möchte mir kein „Gelübde ewigen Leidens“ auferlegen. Warum auch? Wenn Gott mich hierher geführt hat, dann hatte das einen Sinn. Ich lebe. Und ich wünsche mir, dass mein Schmerz sich eines Tages in einen warmen Knoten tief in meinem Inneren verwandelt – nicht in eine offene Wunde. Ich möchte so viel wie möglich von dieser Welt sehen. Denn ich weiß nicht, was morgen sein wird.
Interview und redaktionelle Bearbeitung:
Slava Onufryk, ukrainische Journalistin und Volontärin

