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Natalia hatte keine Auswanderung geplant. In Kiew hatte sie alles: eine stabile Arbeit, berufliche Erfüllung, den Rhythmus einer Großstadt und das Gefühl, ihr eigenes Leben unter Kontrolle zu haben. Sie baute ihre Karriere auf, zog ihre Kinder groß und suchte nicht nach einem „besseren Leben“ im Ausland.

Der Krieg veränderte alles. Gemeinsam mit ihren zwei kleinen Kindern verließ Natalia die Ukraine, ohne einen klaren Plan und ohne zu wissen, wie lange sie bleiben würde. Das zunächst vorübergehende Leben in Deutschland zog sich über Jahre hin – mit Sprachbarrieren, einer neuen Identität und dem ständigen Gefühl, fremd zu sein.

Heute arbeitet Natalia in einer staatlichen Einrichtung und hilft anderen Menschen, sich in Dokumenten und einem System zurechtzufinden, das für sie selbst einmal völlig unverständlich war. Über den Verlust von Freiheit, eine neue Stärke, die sie in sich entdecken musste, und ein Leben ohne Pläne, die über einige Monate hinausgehen – darüber spricht Natalia im Interview.

— Natalia, spulen wir die Zeit zurück. Wer waren Sie in Ihrem früheren Leben? Nicht nur Ihrem Abschluss nach, sondern auch vom Gefühl her.

— Ich bin Wirtschaftswissenschaftlerin und Finanzfachfrau. Ich habe an der Nationalen Wirtschaftsuniversität Kiew studiert und zunächst im Bereich Finanzen und Controlling bei einer Bank gearbeitet. Später habe ich mich jedoch in einem ganz anderen Bereich wiedergefunden. Ich wechselte zu einem deutsch-ukrainischen Unternehmen, das sich mit dem Import von Anlagen und Schneidwerkzeugen aus Europa in die Ukraine beschäftigte.

Das waren die Bereiche Holzverarbeitung, Metallverarbeitung und Lebensmittelindustrie. Mein Vater hatte übrigens ein eigenes Sägewerk, deshalb ist der Geruch von frischem Holz für mich seit meiner Kindheit ein Stück Heimat. In der Metallverarbeitung ging es um alles rund um den Maschinenbau. Außerdem lieferten wir Anlagen für die Lebensmittelindustrie. Was man zum Beispiel in Supermärkten sieht – Anlagen in Fleischverarbeitungsbetrieben und Fleischfabriken – gehörte zu unserem Geschäftsbereich.

— Wie sind Sie in diesen Bereich gekommen?

— Eigentlich ganz einfach: Meine Schwester arbeitete in diesem Geschäft. Da ich fließend Englisch sprach, wurde ich eingeladen, bei der Beschaffung und beim Aufbau von Kontakten zu Kunden zu helfen. Ich arbeitete im Büro und war stellvertretende Geschäftsführerin für kommerzielle Angelegenheiten, tatsächlich war ich aber hauptsächlich für den Import zuständig. Außerdem betreute ich große Kunden, zum Beispiel die Supermarktketten „Silpo“ und „Novus“. Diese Branche habe ich praktisch von Grund auf mit aufgebaut. Für mich war sie wie mein eigenes Kind.

— Was haben Sie an dieser Arbeit geliebt?

— Sie gab mir erstens ein stabiles Einkommen und zweitens Freiheit und viele Kontakte. Ich mochte es sehr, zu internationalen Messen zu reisen und neue Lieferanten zu suchen. Ich war oft im Ausland, konnte die Welt kennenlernen, neue Menschen treffen und ihre Kulturen entdecken. Auch in der Ukraine nahmen wir regelmäßig an Fachmessen teil.

Es war eine interessante Arbeit, die es mir ermöglichte, Beruf und Familie miteinander zu verbinden. Auch als ich meine Kinder bekam, konnte ich weiterarbeiten und musste meine berufliche Entwicklung nicht unterbrechen.

— Wann haben Sie verstanden, dass Sie die Kontrolle verlieren und ausreisen müssen?

— Wir waren in Kiew und dachten zunächst nicht daran, wegzugehen. Aber stellen Sie sich vor: Es ist Morgen, die Sirene heult, und mein jüngstes Kind ist eineinhalb Jahre alt. Er nimmt ein Kissen, legt sich auf den Boden und beginnt zu weinen.

Ich bin ein Mensch, der Situationen fürchtet, die ich nicht kontrollieren kann. Ich habe Angst vor dem Fliegen und fahre nicht gerne als Beifahrerin im Auto. Und dann ist da plötzlich Krieg. Welche Kontrolle hat man da noch?

Ich war allein mit zwei kleinen Kindern – der ältere war vier Jahre alt, der jüngere eineinhalb. Versuchen Sie einmal, während eines Luftalarms zwei kleine Kinder zusammenzupacken und irgendwohin zu laufen.

Zuerst fuhren wir zu Verwandten in die Region Tscherkassy und blieben dort eine Woche. Danach ging es weiter in die Karpatenregion. Schließlich verließen wir die Ukraine und fuhren nach Ungarn. Ich dachte, wir würden dort einfach abwarten. Aber auch dort begannen die Luftalarme. Gleichzeitig wurde das Geld knapp: Hotels, Essen – wovon sollte ich das alles bezahlen?

— Warum haben Sie sich schließlich für Deutschland entschieden?

— Bekannte wunderten sich, warum ich nicht nach Deutschland fahre, schließlich hatte ich beruflich mit Deutschen gearbeitet. Tatsächlich schrieben mir viele Bekannte und boten ihre Hilfe an.

In Passau trafen wir auf sehr gute Menschen. Wir kamen in einer Wohnung unter, die dem Eishockeyverein Passau gehörte. Sie war in der spielfreien Zeit für sechs Monate frei. Für uns passte das gut – schließlich planten wir, wieder nach Hause zurückzukehren.

— Was geschah nach diesen sechs Monaten? Sie sind schließlich immer noch hier.

— Das ist ein klassisches Beispiel für den Satz: „Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere.“ Ein Bus fuhr in mein geparktes Auto. Es war ein neues Auto, das ich erst einige Monate vor dem Krieg gekauft hatte.

Ich war noch einen halben Tag unterwegs und hatte den Schaden gar nicht bemerkt. Dann sah ich, dass die gesamte Seite meines Autos beschädigt war und noch mehr.

Man riet mir, zur Polizei zu gehen. Dort sagte man mir: „Sie verstehen schon, dass Sie den Fahrer wahrscheinlich nicht finden werden.“ Als ich gerade gehen wollte, sagte mir eine Polizistin: „Es gibt eine Facebook-Gruppe. Versuchen Sie, dort zu schreiben. Vielleicht hat jemand etwas gesehen.“

Ich schrieb dort. Nach einiger Zeit meldeten sich Menschen, die gesehen hatten, dass ein Bus mein Auto beschädigt hatte. Sie hatten sogar Fotos gemacht. Dadurch erstattete mir die Versicherung 11.000 Euro.

Wegen der Bearbeitung der Versicherung und der notwendigen Reparatur blieb unser Aufenthalt in Passau zunächst bestehen. Und genau in dem Moment, als mein Auto bereits seit zwei Wochen in der Werkstatt stand, wurde Kiew wieder stark bombardiert. Da verstanden wir, dass wir vorerst nicht zurückkehren konnten, und begannen, nach einer dauerhaften Wohnung zu suchen. Wir warteten auf bessere Zeiten. Und inzwischen ist draußen das Jahr 2026, und wir sind immer noch „auf dem Weg nach Hause“.

— Sie sprechen fließend Englisch. Haben Sie versucht, hier eine ähnliche Arbeit zu finden?

— Ja, das habe ich. Aber hier ist es eine kleine Stadt und es gibt nur wenige eigene Produktionsunternehmen. Es gab allerdings ein interessantes Vorstellungsgespräch.

In der Nähe von Passau gibt es ein Unternehmen, das weltweit Anlagen zur Abfallverarbeitung baut. Sie suchten jemanden mit Englischkenntnissen, der kommerzielle Angebote vorbereitet. Sie waren an mir interessiert, überlegten es sich dann aber anders und sagten, dass sie keine Teilzeitstelle anbieten könnten. Deshalb lehnten sie mich ab.

— Wie sind Sie zu Ihrer heutigen Arbeit in einer staatlichen Einrichtung gekommen?

— Mein Berater beim Jobcenter schlug mir vor, eine Initiativbewerbung zu schreiben. Danach wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, das im Rathaus stattfand, weil die Stadt mich einstellen wollte.

Ich kam mit einem B2-Zertifikat. Die Prüfung hatte ich gut bestanden und besuchte bereits einen C1-Kurs, den ich selbst bezahlte, weil dieser Sprachniveau vom Staat nicht finanziert wird. Ich dachte mir: Wenn ich schon hier bin, werde ich die Sprache lernen. Schließlich muss ich eine neue Arbeit finden und meine Kinder großziehen.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich dort hineinging: ein riesiger Saal, fast wie in einem Museum. Vier Menschen saßen mir gegenüber und vor mir stand ein eigener Tisch. Es waren der Leiter des Jobcenters und drei Vertreterinnen und Vertreter der städtischen Personalabteilung.

Wir unterhielten uns, und am nächsten Tag bekam ich einen Brief, dass sie mich mochten und mich zu einem einwöchigen Praktikum einluden.

Nach dieser Woche bot mir der Leiter an, mir selbst eine Abteilung auszusuchen. Ich entschied mich für den Empfangsbereich, weil ich dachte, dass die Arbeit dort dynamischer ist und ich die Sprache schneller lernen würde.

— Gibt es in dieser Arbeit Möglichkeiten für beruflichen Aufstieg?

— Natürlich, es ist schließlich eine staatliche Einrichtung. Mir gefällt hier das System: Wenn man ein Jahr gearbeitet hat, kann man sich weiterentwickeln und Stufe für Stufe aufsteigen.

— Sind Sie die erste Person, mit der die Menschen im Jobcenter zu tun haben?

— Ja. Ich nehme Dokumente entgegen, frage nach dem persönlichen Hintergrund, gebe Formulare aus und registriere die Menschen im System. An einem Tag, an dem man an der Registrierung arbeitet, kann man 40 bis 70 Menschen betreuen.

Ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit nützlich ist, weil ich Menschen helfe und ihnen alles erkläre. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man dafür Dankbarkeit bekommt.

Aber morgens gehe ich manchmal mit schlechter Stimmung zur Arbeit. Wegen der Sprache. Sie fällt mir schwer, besonders wegen des bayerischen Dialekts. Wenn ich Fehler mache, kann ich vor deutschen Kunden unprofessionell wirken, und das trifft mein Selbstwertgefühl sehr.

— Halten Sie sich selbst für erfolgreich?

— Viele Ukrainer halten mich für erfolgreich, weil ich in einer staatlichen Einrichtung arbeite. Ich selbst würde mich eher als nützlich denn als erfolgreich bezeichnen.

Und ich bin sehr froh, dass ich seit einem Jahr keine staatlichen Leistungen mehr bekomme und dieses Kapitel abgeschlossen ist.

— Wie hat sich Ihr Alltag im Vergleich zu Kiew verändert?

— Das kann man überhaupt nicht vergleichen. In Kiew gingen die Kinder in einen privaten Kindergarten und wir hatten ein Kindermädchen. Ich konnte vor der Arbeit ins Schwimmbad oder zum Training gehen und hatte eine Arbeit, die ich liebte.

Wir hatten auch eine Haushaltshilfe, die für relativ wenig Geld zu uns kam, putzte und bügelte. Ich konnte mich um mich selbst kümmern und Zeit mit meinen Kindern verbringen.

Das fehlt mir hier sehr. Hier muss man alles selbst machen. Selbst, selbst, selbst.

Heute bin ich stärker geworden. Ich baue Möbel selbst zusammen, repariere Dinge zu Hause und so weiter. Ich bin inzwischen eine echte „Hausmeisterin“. Ich habe mir sogar einen großen Werkzeugkasten gekauft – so einen großen, dass nicht einmal mein Vater einen solchen besitzt.

— Was fehlt Ihnen am meisten?

— Ich fühle mich nicht frei. Hier gibt es keine Freiheit. Egal, wie sehr man sich bemüht, man bleibt hier doch ein Fremder. Das Gefühl, nicht wirklich „zu Hause“ zu sein, verlässt einen seit dem ersten Tag nicht.

Mir fehlen meine Familie und meine Freunde. Obwohl auch meine Freunde über die ganze Welt verstreut sind – die Geografie ist inzwischen so groß, dass es fast beängstigend ist.

Mir fehlt das Gefühl von Zuhause.

In den ersten sechs Monaten des Krieges konnte ich überhaupt keine Fotos von zu Hause anschauen – ich musste sofort weinen. Ich sehe alte Fotos aus unserem früheren Leben und denke: Wie schön wir gelebt haben, und wie wenig wir das damals zu schätzen wussten.

Es ist schwer, an einem anderen Ort, in einem anderen Land, bei null anzufangen. Und wenn man das nicht selbst gewählt hat, sondern dazu gezwungen wurde, ist es doppelt schwer.

Ich habe mich selbst in Kiew zurückgelassen. Das ist meine Heimatstadt, dort bin ich geboren. Dort gehört alles zu mir.

— Was würden Sie gerne tun, wenn Sie mehr Zeit hätten?

— Sport. Mir fehlt dafür einfach die Zeit.

Als ich noch nicht gearbeitet habe, bin ich hier jeden Tag fünf Kilometer gelaufen und habe mich gut gefühlt. Seit ich arbeite, habe ich überhaupt keine Zeit mehr.

Dazu kommt die Schule. Mein älterer Sohn geht auf eine deutsche Schule und nachmittags zusätzlich online auf eine ukrainische Schule. Zwei Schulen, zwei Hausaufgaben, dazu verschiedene Kurse. Der Jüngere geht in den Kindergarten und hat inzwischen ebenfalls Online-Unterricht in Deutsch.

Aber wir fahren ständig irgendwohin, wenn wir die Möglichkeit haben. Ich habe schon früher gerne gereist, und hier ist das sogar noch einfacher. Wir verbringen viel Zeit gemeinsam mit den Kindern.

— Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

— Auch die Kinder vermissen ihr Zuhause und fragen ständig danach. Sie machen sich Sorgen, dass wir unsere Fotoalben zu Hause zurückgelassen haben.

Ich habe ein großes Fragezeichen vor mir. Wir machen überhaupt keine Pläne, die weiter als zwei Monate reichen.

Wir leben einfach und warten.

Wir sind weiterhin im Modus: „Wir fahren nach Hause.“

— Was würden Sie Frauen raten, die darüber nachdenken, die Ukraine zu verlassen, aber noch zögern?

— Wenn es für Sie schwer ist, in der Ukraine zu bleiben, kommen Sie. Ich zeige Ihnen alles, erkläre Ihnen alles, helfe Ihnen bei der Überprüfung einer Unterkunft und berate Sie, welche Schritte Sie unternehmen sollten, um sich hier einzuleben.

                                                                                                                                           Interview und redaktionelle Bearbeitung:

                                                                                                                      Slava Onufryk, ukrainische Journalistin und Volontärin

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